Die Erfahrung aus der Versorgung mit medizinischem Cannabis und aktuelle Studien zeigen, dass die „richtige“ Dosis sehr individuell ist. Mehr THC bedeutet nicht automatisch mehr Nutzen, sondern auch ein höheres Risiko für Nebenwirkungen wie Schwindel, Herzklopfen, Angstgefühle oder Konzentrationsstörungen. Verschiedene persönliche Faktoren beeinflussen, wie stark Cannabisblüten wirken und welche Dosis für eine Person angemessen ist.
In der Versorgung mit medizinischem Cannabis wird daher Wert darauf gelegt, diese Unterschiede zu berücksichtigen und eine möglichst schonende, langsame Heranführung an eine wirksame, gut verträgliche Menge zu unterstützen.
Einfluss von Geschlecht und Hormonstatus
- Untersuchungen zeigen, dass Frauen bei gleichen oder sogar niedrigeren THC-Mengen teils stärkere Wirkungen und Nebenwirkungen als Männer verspüren. Das wird unter anderem mit Unterschieden im Hormonhaushalt und im Körperfettanteil erklärt. (Quelle: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27441335/)
- Besonders bei jüngeren und prämenopausalen Frauen wird deshalb häufig vorsichtiger dosiert, weil Hormonschwankungen die Empfindlichkeit gegenüber THC beeinflussen können. In Studien reagierten Frauen in bestimmten Zyklusphasen zum Teil sensibler auf THC als Männer bei gleicher Dosis. (Quelle: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20691832/)
Alter, Organfunktion und Stoffwechsel
- Mit zunehmendem Alter arbeiten Leber und Nieren oft etwas langsamer. Da THC vor allem über die Leber abgebaut und über die Nieren ausgeschieden wird, kann sich der Wirkstoff bei älteren Menschen länger im Körper halten. Fachübersichten empfehlen deshalb gerade bei älteren Patientinnen und Patienten ein besonders langsames Steigern der Dosis, um Nebenwirkungen zu vermeiden. (Quelle: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31640246/)
- Auch der individuelle Stoffwechsel spielt eine große Rolle. Manche Menschen bauen THC schneller ab, andere langsamer. Zusätzlich kann das Körpergewicht Einfluss haben, da THC fettlöslich ist und sich im Fettgewebe verteilt. Menschen mit geringem Körpergewicht oder eingeschränkter Organfunktion kommen deshalb oft schon mit niedrigeren Dosen aus.
Polymedikation (viele gleichzeitig eingenommene Medikamente)
- Wer regelmäßig mehrere Medikamente einnimmt (oft definiert als fünf oder mehr), hat ein höheres Risiko für Wechselwirkungen. THC und andere Cannabinoide werden über bestimmte Leberenzyme abgebaut, die auch viele andere Arzneimittel nutzen. Eine aktuelle Übersicht weist darauf hin, dass es durch diese Konkurrenz an den Abbauwegen zu veränderten Wirkspiegeln kommen kann, was die wirksame und verträgliche Dosis von Cannabis beeinflusst. (Quelle: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38328630/)
- Besonders vorsichtig ist man bei Medikamenten, die müde machen, den Blutdruck beeinflussen oder auf Herz und Nervensystem wirken. Hier wird üblicherweise mit sehr niedrigen Dosen begonnen und langsam gesteigert, unter genauer Beobachtung von Blutdruck, Aufmerksamkeit und allgemeinem Befinden.
Bedeutung einer individuellen, langsamen Dosisanpassung
- In der Praxis bedeutet das: Das „eine richtige“ Standard-Schema für alle gibt es nicht. Faktoren wie Geschlecht, Hormonstatus, Alter, Organfunktion, Körpergewicht, Anzahl der gleichzeitig eingenommenen Medikamente und persönliche Empfindlichkeit fließen in die Einschätzung mit ein.
- In der Praxis wird deshalb zu einer „Start low, go slow“-Vorgehensweise geraten: mit einer niedrigen Dosis beginnen, in kleinen Schritten steigern und Wirkung sowie mögliche Nebenwirkungen genau beobachten. So lässt sich Schritt für Schritt eine persönliche Dosis finden, bei der ein Nutzen spürbar ist und unerwünschte Effekte möglichst gering bleiben.